Sturm und Drang

Sturm und Drang

Die Literaturepoche des Sturm und Drang lässt sich etwa im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verorten. Das heißt, sie geht aus der Aufklärung hervor und verläuft parallel zu dieser. Daher ist der Sturm und Drang eigentlich eher als eine Strömung und nicht unbedingt als Epoche zu bezeichnen.

Der Epochenname ist abgeleitet von Friedrich Maximilian Klingers Drama Sturm und Drang aus dem Jahr 1776, das die Leitgedanken der aufkommenden neuen Strömung vereinte.

Die Vertreter dieser Strömung waren vor allem junge Autoren zwischen 20 und 30 Jahren, die sich mit den literarischen Ansprüchen der Aufklärung nicht mehr identifizieren konnten. In dieser rationalen Epoche fehlte ihnen das Gefühl.
So waren die Stürmer und Dränger, wie man sie nennt (toller Name übrigens, wie ich finde), sowas wie im 20. Jahrhundert die Hippies, bloß etwas aggressiver wahrscheinlich.

Geniezeit

Im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens steht das Originalgenie. Das Genie beugt sich keinen Regeln und Gesetzen, sondern macht sich einfach seine eigenen. Es besitzt eine innere Schöpferkraft, aus der seine Kunst entsteht. Das bedeutet auch: Kunst kann nicht mehr erlernt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt standen die sogenannten Regelpoetiken hoch im Kurs. Wenn man sich an diese „Anleitungen“ gehalten hat, konnte – rein theoretisch – jeder ein Schriftsteller werden. Im Sturm und Drang musst du schon ein wahres Genie sein um richtige Kunst erschaffen zu können.

William Shakespeare
William Shakspeare war das größte Vorbild für alle Stürmer und Dränger

Als das erste große Originalgenie und damit als Vorbild für alle Stürmer und Dränger gilt Shakespeare. Auch Goethe war ein großer Anhänger des Engländers:

Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stocke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu, unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, dank sei meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhaft, was ich gewonnen habe.

J. W. Goethe: Rede zum Schäkespearstag

Sturm und Drang vs. Aufklärung?

Auf den ersten Blick ist der Sturm und Drang mit den Schlagworten Genialität, Spontaneität, Individualität, Gefühl, Natürlichkeit, Originalität … zwar ein Gegensatz zur Aufklärung. Allerdings ist das aufklärerische Prinzip der Rationalität inhaltlich noch immer im Mittelpunkt der Werke. Das heißt:

Der Sturm und Drang ist keine Gegenbewegung zur Aufklärung, sondern eine Fortführung. Er bezeichnet eine neue Phase der Aufklärung, die die beiden Pole Verstand und Gefühl zu einer Einheit zusammenfügt. Perfekt funktioniert das zwar noch nicht, aber es ist der erste Versuch.

Volksliteratur

Den Stürmern und Drängern war in ihrem Literaturverständnis vor allem wichtig, dass ihre Werke nicht mehr nur für einen kleinen Kreis Intellektueller zugänglich sein sollten, sondern auch für das gemeine Volk. Deswegen bekamen Genres wie das Volkslied in dieser Zeit eine ganz neue Bedeutung.

Wegen der Volksnähe ist auch die Sprache in Sturm und Drang-Werken oft sehr derb und voller Kraftausdrücke. Sie ist so aber auch Ausdruck der unmittelbaren und nicht zu bändigenden Gefühle. Am bekanntesten ist wohl das Zitat aus Goethes Götz von Berlichingen:

Er aber, sags ihm, er kann mich im Arsch lecken.

J. W. Goethe: Götz von Berlichingen (3. Akt)

Gattungen im Sturm und Drang

Die Epik bekommt eine neue Form, nämlich den Briefroman. Hier besteht der Text – Überraschung! –  nur aus Briefen, die sich die Protagonisten schreiben, in denen sie von ihren Erlebnissen und vor allem Gefühlen erzählen. Die Gefühle der Figuren wurden so als besonders unmittelbar, echt und unverfälscht wahrgenommen.

Auch die Lyrik bekam eine neue Form und zwar die Erlebnislyrik. Für sie gilt das Gleiche wie für den Briefroman. Außerdem wurden Volkslieder und Volksdichtung als künstlerische Formen anerkannt und erhielten eine größere Bedeutung.

Das Drama zu guter Letzt war die wichtigste Gattung für den Sturm und Drang. Gefühlsausbrüche, Wut, Trauer, Liebe … das alles kann in der dramatischen Form am besten dargestellt werden. Neu war außerdem, dass im Drama des Sturm und Drang aktuelle gesellschaftliche Probleme behandelt wurden.
Als Held stand immer ein Naturgenie im Mittelpunkt, das in einen Konflikt mit der Welt gerät, weil er Selbstbestimmung fordert. In der Regel scheitert der Held am Ende und stirbt.

Wichtige Werke des Sturm und Drang

  • Johann Wolfgang Goethe – Die Leiden des jungen Werther (Briefroman)
  • Johann Wolfgang Goethe – Prometheus (Lyrik)
  • Friedrich Schiller – Die Räuber (Drama)
  • Jakob Michael Reinhold Lenz – Die Soldaten (Drama)

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