Beitragsbild Leonce und Lena

Leonce und Lena (Georg Büchner)

In Kürze:

Erscheinungsjahr1838 unvollständig veröffentlicht, erste vollständige VÖ postum
EpocheVormärz
GattungDrama, Lustspiel
HauptthemenMelancholie, Selbstbestimmung, Adelskritik

Inhaltsangabe

Die Lieblingsbeschäftigung des Prinzen Leonce vom Reiche Popo ist Müßiggang. Da ihm dabei jedoch oft langweilig wird, ist er sehr erfreut, als der Narr Valerio ihm seine Hilfe anbietet, das Nichtstun zu perfektionieren. Seinem Plan in die Quere kommt allerdings sein Vater König Peter. Er verlangt, dass sein Sohn bereits morgen heiratet und mit der Hochzeit auch die Regierungsgeschäfte übernimmt. Leonce hat darauf überhaupt keine Lust und beschließt daher zusammen mit Valerio nach Italien zu türmen.

Prinzessin Lena, die in Begleitung ihrer Gouvernante reist, hat ebenfalls wenig Lust auf die Hochzeit mit einem ihr unbekannten Prinzen. Sie spricht viel über Selbstmord. Gerührt von ihrer Traurigkeit verhilft die Gouvernante Lena ebenfalls zur Flucht.

Und so laufen sich die beiden Paare auf ihrem Entkommen über den Weg – unwissend, wen sie jeweils vor sich haben. Leonce und Lena verlieben sich auf den ersten Blick. Vor allem Leonce ist total durch den Wind vor Liebe und will sich sogar das Leben nehmen, Valerio kann ihn allerdings gerade noch aufhalten. Als Leonce ihm eröffnet, dass er ohne diese Frau, die er gerade erst getroffen hat, nicht mehr leben möchte, verspricht Valerio ihm, dafür zu sorgen, dass die beiden heiraten. Unter der Bedingung, dass er in der Regierung Leonces Staatsminister wird.

So passiert es dann auch: Der König und sein Hofstaat sind am nächsten Morgen sehr verzweifelt, als sie feststellen, dass die beiden Brautleute nicht auffindbar sind. Schon sind sie kurz davor, alles abzublasen, da taucht Valerio mit der Gouvernante und zwei maskierten Personen auf. Er stellt die beiden Maskierten als Automaten vor und erläutert gerade ihre zahllosen Vorzüge, da kommt dem König die Idee, eine Hochzeit in effigie zu feiern. Also stellvertretend. Gesagt, getan: die beiden „Automaten“ werden verheiratet. Direkt nach der Trauung nehmen beide ihre Masken ab – und es stellt sich heraus, dass gerade genau die Hochzeit stattgefunden hat, die stattfinden sollte.

Form & Stil

Der Aufbau des Lustspiels ist ganz klassisch. Drei Akte beschreiben eine pyramidale Handlung mit Happy End am Schluss. Die Heirat am Ende ist außerdem ein ganz klassisches Merkmal für Komödien.

Schaubild, Aufbau des Lustspiels: pyramidaler Aufbau in drei Schritten
Der Aufbau von Leonce und Lena

Ein großes Literaturzitat

Büchner hat sich von vielen anderen Werken zu Leonce und Lena inspirieren lassen. Er orientierte sich vor allem an Alfred de Mussets’ Fantasio und an Clemens Brentanos Ponce de Leon, aber auch an Shakespeare, Heinrich Heine, Jean Paul und Goethe (v.a. Werther). Und so ist das Lustspiel voller Anspielungen auf die verschiedenen literarischen Vorlagen.
Z. B. will sich Leonce wie Goethes Werther in den Fluss stürzen, dabei wird er von Valerio aufgehalten, der wie Werther gekleidet ist. (gelbe Weste und blaue Hosen)

Ironie

Leonce und Lena gehört eindeutig der Epoche des Vormärz an, die in weiten Teilen die Romantik überwindet. Melancholie, die vor allem in der Epoche der Romantik zu verorten war, spielt im Lustspiel eine große Rolle. Durch den geschickten Einsatz von Ironie spottet Büchner allerdings über alle romantischen Ideale, sowie ihre künstlerische Umsetzung.

Sprache

Sprache fungiert in diesem Lustspiel vor allem als Handlung, wenn nicht sogar als die einzige Handlung, die überhaupt vollzogen wird. Die Figuren agieren so gut wie überhaupt nicht aktiv, das einzige, was sie die ganze Zeit tun, ist reden. Und selbst das oft müßig, denn eine Informationsweitergabe findet in den meisten der Nonsens-Dialoge nicht statt. Vor allem bei König Peter ist das sehr schön zu beobachten.

Gleichzeitig strotzt der Text nur so von Bildlichkeiten und Metaphern, Allegorien, Vergleichen und Anspielungen. Lena und Leonce benutzen am Anfang, bevor sie sich treffen sogar schon ähnliche Sprachbilder:

Leonce: „Heiraten! Das heißt einen Ziehbrunnen leer trinken.“ (S. 56)

Lena: „Bin ich denn wie die arme, hilflose Quelle, die jedes Bild, das sich über sie bückt, in ihrem stillen Grund abspiegeln muss?“ (S. 58)

Figuren in Leonce und Lena

Leonce

Leonce ist der Prinz des Reiches Popo. Bislang weigert er sich einen sinnvollen Beitrag zu den Regierungsgeschäften zu leisten. Weswegen sein Vater ihn auch verheiraten möchte.

Er ist ein Vorbild an Faulheit. Arbeit ist ein Fremdwort für ihn, stattdessen hat er Müßiggang als Beschäftigung perfektioniert, indem er sich „Aufgaben“ ausdenkt, die er unbedingt erledigen muss. Beispielsweise dreihundertfünfundsechzig mal auf einen Stein spucken. Darin folgt er dem aristokratischen Denken, das für den Adel vorsieht, nicht zu arbeiten. Leonce ist ein stolzer Müßiggänger. Die sinnlosen Dinge, mit denen er sich die Zeit vertreibt sind allerdings nichts weiter als ein Selbsterhaltungstrieb. Er ist nämlich in einem Teufelskreis gefangen: Er will nichts zu tun haben, daher langweilt er sich und sehnt sich nach Beschäftigung, die er aber nicht bekommt, weil er keine ernsthafte Beschäftigung haben möchte.

Zitat Leonce und Lena: „Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus“

Und so ist er der Meinung, dass er als Einziger das Elend und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz durchschaut hat. Diese „Erkenntnis“ führt bei ihm zu Melancholie, die sogar so weit geht, dass er sich selbst das Leben nehmen möchte. Hier geht sein Narzissmus und seine Exzentrik sogar so weit, dass er Valerio den Vorwurf macht:

„Mensch, du hast mich um den schönsten Selbstmord gebracht. Ich werde in meinem Leben keinen so vorzüglichen Augenblick mehr dazu finden und das Wetter ist so vortrefflich.“

Gleichzeitig ist sein Handeln durch Impulsivität geprägt, der Wunsch, Lena zu heiraten, obwohl beide nichts über den/die jeweils Andere/n wissen, ist nur ein Beispiel dafür.

Lena

Als die Prinzessin des Reiches Pipi teilt Lena das Schicksal vieler adliger Frauen und Mädchen. Sie ist hin- und hergerissen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen, die an sie gestellt werden, und ihren eigenen Wünschen und Bedürfnisse.

Die Folge ist zum Einen Melancholie, ähnlich wie bei Leonce und auch eine Todessehnsucht, wie sie direkt bei ihrem ersten Auftritt deutlich macht:

Zitat Leonce und Lena: „ich wollte, der Rasen wüchse so über mich und die Bienen summten über mir hin“

Zum Anderen ist sie aber vor allem passiv. Ihr Leben zieht eigentlich nur so an ihr vorbei und die Dinge passieren ihr, aber sie nimmt nicht selbst aktiv daran teil, geschweige denn, dass sie selbst die Initiative ergreift.

„Es ging so hin, und auf einmal richtet sich der Tag vor mir auf.“ (S. 58) [der Tag ihrer Hochzeit]

So erfährt man auch nichts über ihre eigene Motivation, schließlich den Fremden heiraten zu wollen. Sie schwärmt zwar gegenüber der Gouvernante von ihm und ist wohl verliebt – die Hochzeitspläne schmiedet aber alleine Leonce. Und auch nach der Hochzeit, spricht sie kein einziges Wort mehr. Ihr Ehemann macht die Pläne für die Regierung und ihr Leben, während sie lediglich lächelnd daneben steht.

Valerio

Valerios Gemeinsamkeit mit Leonce ist die Perfektion des Müßiggangs. Er hat das Nichtstun wahrscheinlich sogar noch mehr im Blut als der Prinz. Er verhält sich zwar wie ein Narr, ist aber äußerst intelligent. Er weiß, wie er mit den Menschen umgehen muss, um zu bekommen, was er möchte. Und das ist seine Stärke, denn wer kein Adliger ist und trotzdem keiner Arbeit nachgehen will, muss sich etwas einfallen lassen. Und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass er ausgerechnet Leonce seine Dienste anbietet, denn hier kann er einiges für sich rausholen – z.B. einen Ministerposten.

Seine närrische Seite zeigt sich vor allem in seiner Lebenslust und in seiner großen Leidenschaft für gutes Essen und Alkohol. Deswegen versteht er Leonces Weltschmerz oft nicht und macht sich häufig darüber lustig.

König Peter

König Peter wird als eine einzige Witzfigur dargestellt. Das beginnt bereits bei seinem Namen: der ist nämlich abgeleitet vom französischen „péter“, das übersetzt „furzen“ bedeutet. Er bevormundet sein Volk, indem er für es denken muss. Das ist zumindest seine Auffassung, wie sinnvoll seine eigenen Gedanken am Ende sind, ist fraglich. Er streut philosophische Begriffe in seine Sprache, womöglich um intelligenter zu wirken. Vor allem seine erste Szene ist hier sehr aufschlussreich:

Zitat Leonce und Lena: „Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidenzien, wo ist mein Hemd, meine Hose? – Halt, pfui! der freie Wille steht da vorn ganz offen. Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten?“

Fun fact: „Der freie Wille“ ist sein Geschlecht. Aber auch sonst ist alles, was er redet, komplett durcheinander. Begriffe aus der Philosophie und solche für Kleidungsstücke fliegen wild durcheinander. Dass er bei dieser ganzen Rede nackt ist, macht die Szene nicht weniger lächerlich.

König Peter hat das Glück, selbst nicht zu wissen, dass er dumm ist. Bei seiner Ansprache an das Volk ist er davon überzeugt manchmal durch eine göttliche Eingebung zu sprechen:

Wenn ich so laut rede, so weiß ich nicht wer es eigentlich ist, ich oder ein anderer.

Leonce und Lena, S. 48

Motive & Interpretation

Auch wenn es sich bei Leonce und Lena um ein äußerst kurzes Stück handelt – es ist vollgestopft miti Themen, Motiven und möglichen Interpretationen. Deswegen werden hier jetzt nur die drei – meiner Meinung nach – wichtigsten aufgegriffen.

Langeweile & Melancholie

Mit den beiden ProtagonistInnen steht auch das Motiv der Melancholie im Zentrum der Handlung. Leonce und Lena reagieren beide mit ihrer Melancholie auf einen Fatalismus. Leonce generell auf den Fatalismus des menschlichen Seins, dass jede Handlung sowieso sinnlos ist, weil wir am Ende egal wie alle sterben werden. Lena dagegen auf den Fatalismus ihres persönlichen Lebens, das sie nicht fähig ist, in die eigenen Hände zu nehmen.

Büchner reagiert mit diesem Motiv auf ein Phänomen seiner Zeit, genauer auf den „Weltschmerz“ der Jugend der 1820er und 30er Jahre. Sie zelebrierten Lebensekel und ennui als Ausdruck des Widerstands und als Phänomene der Dekadenz ihrer Gesellschaft.

Schicksal oder Zufall

Leonce und Lena wollen sich nicht heiraten. Auf der Flucht vor der Hochzeit und voreinander laufen sie sich quasi direkt in die Arme und heiraten schließlich doch. Wie viel davon ist Zufall und wie viel vielleicht doch ein Plan des Schicksals?

Leonce glaubt nicht an so etwas wie das Schicksal bzw. eine übergeordnete Macht, wie beispielsweise einen Gott:

Zitat Leonce und Lena: „Ach der Teufel ist nur des Kontrastes wegen da, damit wir begreifen sollen, dass am Himmel doch eigentlich etwas sei.“

Und deswegen schreibt er am Ende auch alles dem Zufall zu. Lena dankt dagegen der Vorsehung.

Adelskritik

Dass die beiden Königreiche „Pipi“ und „Popo“ heißen, lässt schon reichlich Schlüsse ziehen. Die Adelskritik findet aber vor allem in den Personen Leonce und König Peter statt. Vor allem der König wird durchweg lächerlich dargestellt und durch ihn der gesamte Adelsstand. Wie oben bereits beschrieben, ist er nicht in der Lage, sein Volk zu führen, schlimmer noch: er muss sich mittels eines Knotens im Taschentuch sogar noch daran erinnern, dass er ein Volk HAT.

Leonce verkörpert eine andere Dimension, der Adelskritik. Im Normalfall ist es so, dass Adelige zwar nicht arbeiten, dafür aber herrschen sie. Leonce weigert sich, beides zu tun. Eine absolute Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Reich zeichnet diese beiden Monarchen aus.

Und was geht mich das an?

Besonders den Aspekt des Schicksals bzw. des Zufalls finde ich an diesem Stück sehr spannend. Die Figuren lassen sich einfach so durch die Handlung treiben und weigern sich mehr oder weniger alle, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Als aber dann zwei von ihnen – Leonce und Lena – versuchen auszubrechen, geschieht am Ende trotzdem alles, wie geplant.

Es ist also eine sehr philosophische Frage, die das Stück zurücklässt. Wie selbstbestimmt können wir unser Leben leben? Wie viel Einfluss haben wir wirklich? Oder passiert am Ende, einfach immer das was passieren soll und unsere Handlungsmacht ist pure Illusion? Sehr spannende Fragen, die sich in jeder Zeit stellen lassen – ich denke, das ist nicht nur eine Diskussion wert.

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