Frauenfiguren in der Kanonliteratur

Wir alle kennen sie und mussten oder müssen uns in der Schule durch diese Lektüren kämpfen: die mit einem Frauennamen auf dem Titel. Antigone, Emilia Galotti, Effi Briest, Penthesilea, … die Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Und ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber bei mir weckt der Titel die Assoziation, dass diese Frau die Protagonistin der Handlung ist. Doch ist das wirklich so?

Welche Rollen nehmen Frauen eigentlich am häufigsten ein in der Kanonliteratur? Wie groß ist ihr Handlungsspielraum und welche Charaktereigenschaften haben sie?

Die Rolle der Frauenfiguren

In der Regel geben die tradierten Frauenrollen nicht besonders viel her. Charakterentwicklung? Fehlanzeige. Selbstbestimmtes Handeln? Auch eher selten. Frauen treten vor allem auf als Tochter, Mutter, Ehefrau, Geliebte von einem Mann auf. Das heißt, die Rolle der Frau wird über den Mann definiert.

Im Grund genommen kann man zwei „Typen“ der Frauenfiguren unterscheiden: die angepasste und die aufbegehrende. Angepasst ist z.B. Emilia Galotti, aufbegehrend Antigone. Beiden gemeinsam ist, dass sie das Ende ihres eigenen Dramas nicht erleben. So wie 24 der wichtigsten 25 Frauen im Kanon. Das hat Susanne Zaun letztes Jahr in einer Inszenierung treffend festgestellt.

Während die angepassten Frauenfigur sich – solange unverheiratet – vor allem über ihre Unschuld definiert (siehe wieder Emilia), später dann über ihren Mann, gibt es als Gegenentwurf dazu die femme fatale. Während erstere sich für ihre Familie aufopfert, ist zweitere egoistisch und manipulativ. Sie setzt vor allem ihre körperlichen Reize ein, um ihren Willen zu bekommen. Nicht selten wird sie dabei außerdem als hysterische Männermörderin dargestellt. Ein Beispiel für so eine Frauenfigur ist unter anderem Lulu von Frank Wedekind. Ebenfalls hysterisch und eine Art „Monstren-Figur“ ist Kleists Penthesilea. Egal wie – sie alle, alle sterben am Ende des Stücks oder noch früher.

Handlungsspielraum von Frauenfiguren

Wie am Anfang schon gesagt, haben extrem viele Texte des Kanons einen Frauennamen im Titel und suggerieren dem (heutigen) Leser damit, dass diese Frauenfigur die Handlung bestimmt. Leider stimmt das in den meisten Fällen nicht wirklich. Schauen wir uns noch einmal zwei Beispiele an:

Emilia Galotti – die angepasste Frau

Die Titelgebende Figur Emilia tritt in nur 6 (!) von 43 (!) Szenen auf. Das ist gerade mal ein Siebtel! Eigentlich wird in dem gesamten Stück nur über sie geredet, aber kaum wirklich mit ihr. Der einzige Moment, der zumindest einen Schein von Selbstbestimmung über ihr Schicksal hat, ist ihr Tod. Aber auch der ist es nicht wirklich, denn sie trifft die Entscheidung, zu sterben aufgrund der äußeren Umstände: sie will ihre Unschuld nicht verlieren, weil die Ehre ihrer Familie direkt mit jener verknüpft ist. Sie hat zum ersten Mal ihre sexuelle Lust entdeckt und hat – durch die Gesellschaft geprägt – Angst davor. Und so wird sie durch die Familie und die Gesellschaft in den Tod gedrängt. Nicht umsonst ist es dann ja auch ihr Vater, der sie erdolcht. Weil er sie so liebt, nicht wahr?

Antigone – die Aufbegehrende

Auch in Sophokles Antigone ist es so, dass der Herrscher Kreon einen viel größeren Redeanteil hat, als die Titelfigur Antigone. Sie aber übertritt bewusst die Grenzen des gesellschaftlich akzeptierbaren und entscheidet sich ebenso bewusst für die Konsequenzen. Dass diese Konsequenz der Tod ist, ist allerdings vor allem männlichem Trotz und Starrsinn zu verdanken. Auch sie stirbt am Ende. Allerdings ist ihr Tod insofern selbstbestimmt, als dass sie selbst entscheidet auf welche Art und Weise sie sterben will. Lieber Selbstmord als elendig in der Höhle zu verhungern.

Besonderheiten: Die Rolle der Mütter

Vor allem die Rollen, welche Mütter im Kanon spielen, möchte ich noch einmal besonders hervorheben. Ganz oft existieren sie von vorneherein gar nicht, weil sie tot sind (meistens) oder krank oder (geistig) abwesend. Doch auch die anwesenden Mütter von ProtagonistInnen tragen in der Regel nichts zur Handlung bei. Sie haben kein Mitspracherecht bei Familienentscheidungen, sie haben keine eigene Meinung. Und auffallend oft, verschwinden sie im Laufe der Handlung. Emilias Mutter wird von ihrem Mann Odoardo zurück in die Stadt geschickt, während er bei seiner Tochter bleibt. In Schillers Kabale und Liebe verschwindet Luises Mutter sogar ganz ohne Erklärung aus der Handlung.

Frauenfiguren und die Theaterpraxis

Durch die Überzahl an männlichen Rollen war es lange Zeit normal am Theater, dass die Ensemble überwiegend männlich besetzt waren. Als Schauspielerin war und ist es teilweise außerdem immer noch schwieriger, anspruchsvolle Rollen zu spielen. Gerade für ältere Schauspielerinnen bleibt oft nur noch die Rolle der schweigenden Mutter übrig. Aber auch für junge ist es natürlich unbefriedigend, immer nur Unschuldslamm oder femme fatale zu spielen – und immer zu sterben und immer den Männern das letzte Wort zu überlassen.

Glücklicherweise findet in dieser Hinsicht aktuell ein Umdenken statt. Immer öfter werden Männerrollen mit Frauen besetzt, immer öfter so die Machtverhältnisse umgekehrt.

Und das ist gut und wichtig, denn die dargestellten Machtstrukturen der klassischen Literatur entsprechen nicht mehr unserem modernen Weltbild und unseren Sehgewohnheiten. Frauen sind gleichberechtigt und müssen es auch sein. Und genau so sollte es auch auf der Bühne dargestellt werden.

Wen das noch genauer interessiert, dem kann ich diesen Artikel von nachtkritik.de nur empfehlen.

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