Dramentheorie – Das epische Theater

Episches Theater

Das epische Theater, begründet von Bertolt Brecht, wendet sich ab vom klassischen naturalistischen Theater. Wie der Name schon sagt, verschmelzen hier zwei verschiedene Gattungsformen, nämlich Epik und Dramatik. Brecht begründet diese Verschmelzung inhaltlich und historisch: in einer immer komplexer werdenden Welt mit immer diverseren Lebensumständen können zwischenmenschliche Vorgänge nicht mehr so einfach dargestellt werden. Es kann nicht mehr eine Person stellvertretend für alle stehen.

Somit stellt es sich gegen die aristotelische Praxis und auch gegen die bis dahin gängigen Theorien unter anderem von Lessing.

Ziele des epischen Theaters

Brecht möchte die Zustände als veränderbar darstellen. Und zwar in der Form veränderbar, dass jeder Mensch sie selbst in der Hand hat. Konkret heißt das, die ZuschauerInnen dürfen sich nicht in die Figuren einfühlen, sondern müssen sich im Gegenteil von ihnen distanzieren. Nur so reflektieren sie genügend über das Gesehene und beziehen einen eigenen Standpunkt zur Handlung.

Übergeordnetes Ziel ist also, das Publikum zum selbstständigen Denken und urteilen anzuregen.

Merkmale des epischen Theaters

Viele der Merkmale eines epischen Theaters leiten sich aus den Theorien Aristoteles‘ ab. Nämlich, indem sie ins Gegenteil verkehrt werden.

1.Offene Form
Offenheit in der Handlung, in Ort und Zeit ist eins der zentralsten Merkmale, die man eigentlich in jedem epischen Stück findet. Ein Spannungsbogen ist nur schwer auszumachen, da die Szenen lose nebeneinanderstehen und oft austauschbar in ihrer Reihenfolge sind. Auch der Schluss bleibt meistens offen. Zwischen den Szenen kommt es zu Zeitsprüngen, -raffungen, auch zu Diskontinuitäten und natürlich zu Ortswechseln.

Außerdem finden in der Regel mehrere Handlungen parallel statt, bzw. gibt es verschiedene Handlungsebenen.

2. Keine Wahrscheinlichkeit der Handlung
Während Aristoteles darauf bestand, dass die Handlung wahrscheinlich sein muss, will Brecht sogar einer unwahrscheinlichen Handlung den Vorzug geben.

3. Durchschnittsfiguren
Im epischen Drama sollen keine großen Helden oder einzelne besondere Charaktere im Mittelpunkt stehen. Stattdessen sollen ganz durchschnittliche Menschen auf der Bühne dargestellt werden.

4. Verfremdung
Illusion und Einfühlung spielen hier keine Rolle. Stattdessen sollen die Vorgänge verfremdet werden. Durch die verfremdete Darstellung werden beim Publikum Verwunderung, aber auch Neugier hervorgerufen.

Der sogenannte Verfremdungseffekt oder V-Effekt kann auf verschiedene Weisen provoziert werden. Die wichtigsten sind die Folgenden:

Verfremdungseffekte

Historisierung, Ortswechsel: Die Handlung findet in der Vergangenheit statt. Zum Beispiel spielt Mutter Courage im dreißigjährigen Krieg, kritisiert aber den zweiten Weltkrieg. Oder sie wird an einen anderen, den ZuschauerInnen fremden Ort verlegt. Der gute Mensch von Sezuan spielt in einer chinesischen Provinz (und zusätzlich in einer anderen Zeit).

Prolog, Epilog: Sie nehmen den Menschen im Theater sofort die Illusion des Stücks, da sie die Handlung rahmen und in einen Kontext setzen. Oft wird hier bereits geurteilt oder Dinge vorweggenommen.

Titel und Inhaltsangaben: Die einzelnen Szenen sind jeweils mit Titeln, manchmal auch schon mit kurzen Inhaltsangaben versehen, die vorwegnehmen, was gleich passiert. So konzentriert das Publikum sich nicht mehr hauptsächlich auf das, was passiert, sondern wie es passiert.

Erzähler, aus der Rolle tretende Figuren: Eine Erzählerfigur kann das Geschehen von außen kommentieren und somit eine andere Perspektive zur Handlung einnehmen. Dasselbe gilt für Figuren, die ihre Rolle verlassen und auf einmal direkt zum Publikum sprechen.

Musik und Songs: Musikalische Einlagen und Figuren, die anfangen, zu singen, brechen die Handlung immer wieder auf. So wird zum einen der Handlungsfluss gestört, zum anderen werden in den Songtexten aber auch kritische Kommentare abgegeben.

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