Effi Briest-Reclamheft mit roter Schnur

Effi Briest (Theodor Fontane)

In Kürze

Erscheinungsjahr1894-1895 in sechs Folgen in der Deutschen Rundschau abgedruckt; als Buch 1896
EpocheRealismus
GattungEpik (Roman)
HauptthemenKritik an den Konventionen, gescheitertes Frauenleben

Inhaltsangabe

Effi Briest ist die einzige Tochter einer Adelsfamilie. Mit 17 Jahren heiratet sie – zwar freiwillig, aber nicht gerade subtil von ihren Eltern dazu überredet – Geert von Innstetten, Ministerialrat in Kessin. Witzige Geschichte: Der hat früher schon einmal um die Hand von Effis Mutter angehalten. Und er hat ihr auch durchaus gefallen, nur hatte er noch nicht genug Ansehen und Geld, weswegen sie ihn abgewiesen hat. Welche Tochter möchte bitte nicht mit dem ehemaligen Verehrer ihrer Mutter verheiratet werden?

Wie dem auch sei, nach der Hochzeitsreise in Italien zieht das junge Paar in das ländliche, ja fast hinterwäldlerische Kessin. Effi findet es in ihrem Haus äußerst unheimlich. Dieses Gefühl wird nicht besser, als sie nachts Geräusche aus einem der oberen Räume hört und Innstetten ihr darauf hin etwas von einem spukenden Chinesen erzählt.

Nach und nach lernt Effi die Gesellschaft von Kessin kennen. Der sympathischste von ihnen ist mit Abstand der Apotheker Gieshübler, zu dem Effi schnell ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut. Weil sie aber mit dem Rest der Menschen in Kessin nicht allzu viel anfangen kann und weil ihr Mann eigentlich von morgens bis abends arbeitet, wird ihr schnell langweilig, sie fühlt sich einsam und verlassen.

Im Winter wird Effi schwanger und sie bringt bald eine Tochter zur Welt. Auf der Tauffeier ist auch Major Crampas, der neue Landwehrbezirkskommandeur, dem sein Ruf als Frauenheld bereits vorauseilt. Er und Effi flirten.
Nach und nach wird Crampas regelmäßiger Gast im Hause Innstetten. Zu dritt machen sie häufiger Ausritte am Strand. Als Innstetten selbst einmal beruflich verhindert ist, reiten Crampas und Effi alleine aus und Crampas lässt Effi wissen, dass ihr Ehemann die Geschichte vom Chinesenspuk als Erziehungsmaßnahme benutzt. Gut zu wissen.

Es folgt noch ein weiterer Ausritt der beiden alleine. Was hier passiert, wird nicht geschildert, danach verhält Effi sich allerdings eher distanziert Crampas gegenüber. Am 27. Dezember findet eine Weihnachtsfeier mit mehreren Adligen statt. Auf der Rückfahrt mit den Kutschen kommt es zu einer Panne. Um den Schloon zu überqueren, werden die Kutscher und ihre Insassen neu verteilt und so kommt es, dass Effi mit Crampas alleine in einer Kutsche sitzt. Crampas packt die Gelegenheit beim Schopfe und küsst Effi leidenschaftlich.

Als Innstetten zum Ministerialrat in Berlin ernannt wird, begibt sich Effi zusammen mit ihrer Mutter in die Hauptstadt, um eine Wohnung zu suchen und einzurichten. Anders als geplant wird sie nicht mehr nach Kessin zurückkehren, sondern gibt vor, krank zu sein und deswegen gleich in Berlin zu bleiben bis Innstetten nachkommen wird.

Das Leben in Berlin beginnt harmonisch und Effi fühlt sich wohl. Wegen gesundheitlicher Probleme wird sie allerdings von ihrem Arzt in Kur geschickt. Während dieser Abwesenheit passiert es, dass Annie sich beim Spielen verletzt. Auf der Suche nach Verbandszeug fällt Roswitha ein Bündel Briefe in die Hände. Innstetten sieht es auch und begutachtet die Briefe eingehend. Es sind Liebesbriefe von Crampas.
Obwohl er überhaupt keine Rachegefühle verspürt und weder auf seine Frau noch auf Crampas wütend ist, trifft Innstetten die rationale Entscheidung, sich mit Crampas zu duellieren. Der Ehre wegen, ihr versteht. Bei diesem Duell stirbt Crampas.

Effi erhält in der Kur einen Brief von ihrer Mutter: Ihre Eltern werden sie weiterhin finanziell unterstützen, ihr Elternhaus und die Berliner Gesellschaft werden ihr aber ab sofort verschlossen sein. Effi ist nun allein. Die Tochter Annie bleibt bei ihrem Vater, einzig Roswitha stellt sich auf Effis Seite und zieht mit ihr in eine kleine Wohnung in Berlin.

Nach drei Jahren willigt Innstetten ein, dass Annie ihre Mutter besuchen darf. Dieser Besuch verstört Effi allerdings sehr, da ihre Tochter zwar höflich, aber sehr reserviert ist und fast dressiert wirkt.

Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich wieder und nach eindringlichen Bitten ihres Arztes darf Effi wieder nach Hause zu ihren Eltern ziehen, die sie auch liebevoll aufnehmen. Roswitha bittet Innstetten in einem Brief, er möge den Hund Rollo zu ihnen schicken, da der für Effi schon immer ein treuer Begleiter gewesen war. Er erfüllt den Wunsch.

Immer wieder wird Effi krank, bis sie schließlich im Spätsommer in ihrem Elternhaus stirbt.

Aufbau & Sprache

Formaler Aufbau

Für einen Roman hat Effie Briest einen ungewöhnlichen Aufbau. Eigentlich erinnert der Spannungsbogen eher an ein Drama.

Schaubild zum Aufbau von Effi Briest: Pyramidel mit gespiegeltem Aufbau
Die Handlung ist symmetrisch aufgebaut und lässt sich leicht in einem pyramidalen Aufbau eines Dramas einteilen.

Die Handlung lässt sich ziemlich gut in fünf Abschnitte einteilen, der einzige Unterschied zum Drama ist, dass die Katastrophe nicht unbedingt mit Effies Tod am Ende zu sehen ist, sondern im vierten Abschnitt schon. Retardierendes Moment und Katastrophe fallen hier kurz hintereinander und am Schluss klingt die Handlung ziemlich friedlich aus.

Außerdem ist interessant, dass die Handlung symmetrisch ist. Gemerkt? Die Anzahl der Kapitel, die die einzelnen Abschnitte umfassen ist gespiegelt: 5 – 9 –8 – 9 –5. Und auch in den Handlungsorten findet sich dieses Element wieder. Von Hohen-Cremmen geht es nach Kessin (mit Zwischenstation in Berlin) und zurück nach Hohen-Cremmen.

Sprachliche und Stilistische Merkmale

Gespräche

Und auch stilistisch hat Fontane sich ganz schön viele Gedanken gemacht. Beim Lesen fällt schnell auf, dass echt viel geredet wird in diesem Roman. Eigentlich besteht der Großteil des Textes aus Gesprächen und ganz oft fragt man sich, inwiefern das Gesprochene denn jetzt überhaupt wichtig für die Handlung ist. Spoiler: Ist es nicht immer.
Grund für die vielen Gespräche ist, dass die Figuren so echter wirken und die Handlung einfach näher an ihnen dran ist. Es ist also eine unmittelbarere Form des Erzählens, als wenn ein externer Beobachter die Handlung schildern würde. Außerdem hat man verschiedene Formen des Gesprächs im Roman identifiziert:

  • Das Expositionsgespräch thematisiert wichtige Zusammenhänge, damit man später – wenn sie relevant werden – alles versteht.
  • Das Begleitgespräch begleitet eine Handlung.
  • Das Reflexionsgespräch steht nach einer Handlung und reflektiert sie (haha).
  • Das Vorausdeutungsgespräch deutet zukünftige Ereignisse oder Handlungen an. (Generell sind Vorausdeutungen im Roman sehr wichtig, dazu später mehr.)
  • Das Tagesgespräch hat eigentlich keine Bedeutung für die Handlung, es lässt sie nur echter erscheinen, indem die Figuren sich über alltägliche Dinge unterhalten und ermöglicht eine noch genauere Charakterdarstellung.

Briefe

Ein zweites wichtiges Element sind für Fontane Briefe. Genauso wie in Gesprächen können sich die Figuren hier selbst mitteilen und so wirkt alles authentischer. Außerdem werden in Briefen Dinge angesprochen, die im direkten Gespräch niemals erwähnt worden wären. Effi erzählt in einem Brief an die Mutter z.B., dass sie vor Innstetten ein Geheimnis hat. Das hätte sie ihr niemals ins Gesicht gesagt.

Vorausdeutungen

Die Vorausdeutungsgespräche habe ich ja oben schon erwähnt. Es gibt aber noch viel mehr Anspielungen auf die kommende Handlung und auf verschiedene Motive im gesamten Roman. Fontane hat selbst gesagt:

Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile […] Bei richtigem Aufbau muss in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken.

An diesen Vorsatz hat er sich auch gehalten. Und wie. Das erste Kapitel enthält folgende Vorausdeutungen auf die Hauptmotive des Romans:

Zitat Deutet auf …
Innstetten und Effis Mutter: „Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit Entsagung“ Effis eigene Geschichte mit Innstetten
„Ich falle jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen.“ Effis Ende als gefallene Frau
„… wobei mir übrigens einfällt, so vom Boot aus sollen früher auch arme unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen der Untreue.“ Effis Ehebruch und Bestrafung
Die Kirchhofsmauer Effis Berliner Wohnung mit Blick auf den Friedhof; Effis Tod

Figuren in Effi Briest und Charakterisierungen

Schaubild der Figurenkonstellation in Effi Briest
Die Beziehungen zwischen den wichtigsten Figuren im Roman Effi Briest.

Effi Briest

Effi Briest ist das einzige Kind der Familie Briest. Sie hat eine unbeschwerte Kindheit in Hohen-Cremmen. Als sie aufwächst entspricht sie nicht unbedingt den Rollenvorstellungen eines Mädchens. Mit ihrem Wagemut, der fast an Leichtsinn grenzt ist sie eher jungenhaft. Insgesamt ist sie aber einfach nur sehr lebensfroh und optimistisch.

Ihre Eltern sind für Effi das wichtigste. Niemals widerspricht sie ihnen oder macht ihnen Vorwürfe. Obwohl sie selbst sich nicht so ganz sicher ist, ob Innstetten der richtige Mann für sie ist, folgt sie gehorsam dem Willen ihrer Eltern, v.a. ihrer Mutter.

Das wirkt sehr bescheiden, gleichzeitig zeigt sich aber auch schnell ihr Wunsch nach einer gesellschaftlichen Stellung und einem gewissen Luxus. Wenn sie mit ihrer Mutter die Einrichtung aussucht, fällt ihr Auge immer wieder auf Außergewöhnliches.
Das Schlimmste für sie ist jedoch Langeweile. So legt sie ihrer Mutter aus:

Zitat Effi Briest: 
„Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung – ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.“

Und so versucht sie die Rolle der Ehefrau auszufüllen und weiß sehr gut, was von ihr erwartet wird. Allerdings kann Innstetten ihr die so dringend benötigte Zerstreuung nicht bieten. Deswegen respektiert sie ihn zwar, liebt ihn aber nicht.

Zitat Effi Briest:
„[...] was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte: Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb und gut, aber ein Liebhaber war er nicht.“

Außerdem bietet ihr Kessin nicht die Abwechslung, die sie so dringend bräuchte. Vor allem weil ihr Mann sie oft alleine lässt. Ihre große Fantasie, die sie in ihrer Kindheit beim Spielen beflügelt hat, wird ihr jetzt zum Verhängnis. Der Chinesenspuk macht ihr den Aufenthalt in Kessin noch so viel schwerer. Gut, dass Crampas auftaucht und ihr erklärt, was es damit auf sich hat. Das nimmt ihr die Angst, gleichzeitig treibt es Effi aber auch noch mehr in Crampas Arme.

Sie ist keineswegs naiv, sie weiß, dass sie verführbar ist. Und lässt es geschehen. Dass sie nicht dagegen ankämpft zeugt dagegen von mangelnder Disziplin.

Nach ihrem gesellschaftlichen Fall zeigt sie, dass sie auch auf sich allein gestellt gut zurecht kommt. Die Langeweile wird jedoch noch viel schlimmer, weil sie sich in keiner Weise betätigen kann. Die Reaktion ihrer Eltern, sie zu verstoßen, nimmt sie hin. Denn sie weiß um die Konventionen und akzeptiert diese auch.

Am Ende, als sie schließlich doch wieder nach Hause darf, kommt ein neuer Charakterzug hinzu: Demut und Dankbarkeit.

Zitat Effi Briest:
„Und es liegt mit daran, dass er erfährt, wie mir in meinen Krankheitstagen, die doch fast meine schönsten gewesen sind, wie mir hier klar geworden, dass er in allem Recht gehandelt. In der Geschichte mit dem armen Crampas – ja, was sollte er am Ende anders tun?“

Sie gibt Innstetten Recht, er habe in jeder Hinsicht richtig gehandelt. Allerdings bleibt die Frage: Hat sie wirklich Einsicht oder will sie einfach nur in Frieden mit sich und ihrer Umwelt den Rest ihres Lebens genießen?

Geert von Innstetten

Zu Beginn der Handlung ist Geert von Innstetten 38 Jahre alt. Also nur etwas mehr als 20 Jahre älter als Effi – das geht wohl in Ordnung. Früher war er in Effis Mutter verliebt, die allerdings eine Ehe mit Briest vorgezogen hat. Wegen der Absicherung. Dass Innstetten jetzt um Effis Hand anhält ist einerseits unkreativ und zeugt nicht gerade von großer Flexibilität. Andererseits möchte er sich vielleicht auch indirekt seinen Jugendwunsch erfüllen.
Effis Jugendlichkeit kommt ihm außerdem gelegen, da er so seinen erzieherischen Charakterzug voll ausleben kann. Er hat gerne die Kontrolle und so pflegt er unter anderem den Chinesenspuk in Kessin ausgiebig, statt auf Effis Bitten einfach den Raum herzurichten und in irgendeiner Weise zu nutzen. Das zeugt von Unsicherheit, aber auch einer großen Rücksichtslosigkeit seiner Frau gegenüber.

Zitat Effi Briest:
„Du hat ganz Recht, Effi, wir wollen die langen Gardinen oben kürzer machen. Aber es eilt nicht damit, umso weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was anderes sein, im Rauchfang, oder der Wurm im Holz oder ein Iltis.“

Innstetten ist ein Karrieremensch. Seine beruflichen Verpflichtungen stellt er immer über die Familie. Es ist also keine Seltenheit, dass er Effi alleine zurücklässt. Erst als er an seinem beruflichen Ziel angekommen ist – in Berlin – bemüht er sich mehr um seine Frau und seine Tochter.

Als Mann fester Prinzipien lebt er quasi nach einem strikten Regelwerk und unterwirft sich den gesellschaftlichen Konventionen. Dennoch stimmt er öfter mit Effi darüber ein, dass einige Konventionen überholt sind und belustigt sich mit ihr über den Kessiner Altadel. Im Gegensatz zu seiner Frau ist er aber nicht in der Lage diese Konventionen zu überwinden.
Das zeigt sich auch deutlich im Duell mit Crampas. Seinen Gefühlen nach gibt es überhaupt keine Veranlassung zu einem solchen Akt. Doch seine Prinzipien und die Konventionen zwingen ihn quasi dazu. Noch dazu sobald er einen Mitwisser hat, seiner Meinung nach gibt es jetzt kein Zurück mehr. Er selbst es „das tyrannisierende Gesellschafts-Etwas“, das ihn zu seiner Handlung zwingt.

Zitat Effi Briest:
„Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht nicht; [...] jenes, wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss.“

Alles in Allem ist Innstetten ein unsicherer Mann mit fehlendem Selbstbewusstsein. Die festen Prinzipien, denen er sich unterwirft, ersetzen eigene Denk- und Handlungsweisen.

Major Crampas

Als Soldat genießt Crampas ein hohes Ansehen in Kessin. Sein Ruf als Frauenheld eilt ihm allerdings voraus. Grund dafür sei wohl seine schwermütige Frau, sagt man. Das ist auch wirklich eine logische Konsequenz.
In die Affäre mit Effi stolpert er nicht einfach so hinein. Er plant sie ganz bewusst. So taucht er zum Frühstück bei den Innstettens auf, es gibt Ausritte zu dritt und später zu zweit. Er gibt sich Effi gegenüber als Aufklärer, indem er den Chinesenspuk aufdeckt, und was Innstetten damit bezwecken möchte. Und als die beiden alleine in der Kutsche sitzen nutzt er die Gunst der Stunde, um sie zu küssen. Er tut dies alles ohne Rücksicht auf seinen alten Kameraden (er und Innstetten waren gemeinsam im Krieg), untergräbt gezielt dessen (sowieso schon wackelige) Ehe und verführt seine Frau.

Zitat Effi Briest:
„Also Innstetten, meine gnädigste Frau, hat außer seinem brennenden Verlangen, es koste was es wolle, ja, wenn es sein muss unter Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine zweite Passion: er operiert nämlich immer erzieherisch, ist der geborene Pädagog.“

Sein Charakter ist komplett gegensätzlich zu dem von Innstetten, so hinterlässt er natürlich Eindruck bei Effi. Er verspricht Abenteuer anstelle von Langeweile, natürlich steigt sie darauf ein.

Sein Ende nimmt er komplett gelassen hin. Wahrscheinlich war ihm klar, dass es zu einem Duell kommen würde, sollte Innstetten je von der Affäre erfahren und so ist er nicht überrascht als es dann passiert. Vermutlich hat seine Gelassenheit aber auch etwas mit soldatischer Ehre zu tun.

Eltern Briest

Die Eltern Briest sind Gutsbesitzer und gehören nicht zum Hochadel. Aber sie sind stolz auf ihren alten Namen. Vor allem die Mutter Luise ist die treibende Kraft bei der Verlobung Effis. Ähnlich wie bei Innstetten ist davon auszugehen, dass auch sie sich indirekt ihren Jugendtraum erfüllt. Dass sie damit Effi einen sozialen Aufstieg und finanzielle Sicherheit ermöglicht, bedeutet nur, dass sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann.

Zitat Effi Briest:
„[U]nd wenn du nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen.“

Die gesellschaftlichen Konventionen sind ihr wichtiger als dem Vater. Sie ist es auch, die Effi aus dem Elternhaus verbannt und dabei kein einziges Wort des Bedauerns hören lässt. Dass Effi am Ende doch wieder nach Hause darf ist dem Zutun von Effis Arzt Dr. Rummschüttel zu verdanken und nicht zuletzt der entschiedenen Meinung von Vater Briest, der sich endlich durchsetzen konnte.

Er ist ein jovialer, teilnahmsvoller Mensch mit trockenem Humor und einer realistischen Weltsicht. Während die Mutter Bedenken bezüglich der Ehe ihrer Tochter leicht abtut, äußert er sie deutlich.

Zitat Effi Briest:
„Oder ist es einfach, dass sie ihn nicht recht liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all seinen Vorzügen, er ist nicht der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu gewinnen.“

Wirkliche Erkenntnis bringen die Gespräche aber letztendlich auch nicht, weil er sie meist mit dem Verweis beendet, dass dies ein zu weites Feld sei. Ob er es sich damit bloß einfach machen will, ist nicht sicher. Wohlmöglich erkennt er auch, dass er nicht alle Fragen des Lebens am Mittagstisch beantworten kann sieht seine eingeschränkte Handlungsmacht.

Er gibt nicht besonders viel auf die Meinung der Leute. So muss er auch mal von seiner Frau in die Schranken gewiesen werden, wenn er mit zu lockeren Redensarten auffällt. Im Klartext heißt das: Wenn er mal wieder versaute Witze macht.

Roswitha

Während Johanne im Hause Innstetten eher Geert zuzuordnen ist, passt Roswitha eher zu Effi. Sie wird von dieser in einer verzweifelten Situation aufgefunden und sofort für die Kindererziehung eingestellt. Dementsprechend ist sie sehr dankbar und herzlich.
Sie ist eine treue Seele und bleibt in jeder Lebenslage bei Effi. Sowohl in die Wohnung in Berlin folgt sie ihr, als auch zurück nach Hohen-Cremmen. Der Grund dafür mag in ihrer eigenen Geschichte liegen. Als junge Frau brachte sie ein uneheliches Kind zur Welt, ihr Vater verprügelte sie und jagte sie schließlich – ohne Kind – aus dem Haus. Mit dieser Erzählung nimmt sie Effis Schicksal vorweg. Wir erinnern uns an die wichtigen Vorausdeutungen.

Am Ende ist auch sie es, die Innstetten bittet, den Hund Rolla nach Hohen-Cremmen zu schicken. Ihr Brief ist unkonventionell aber voller Menschlichkeit, was auch Innstetten und Wüllersdorf anerkennen und ihr die Bitte deswegen gewähren.

So ist Roswitha die Verkörperung der Menschlichkeit, die den Konventionen haushoch überlegen ist.

[…] die ist uns über.

Wüllersdorf zu Innstetten [Theodor Fontane: Effi Bries, Stuttgart 2002, S. 323.]

Motive & Interpretation

Gescheiterte Ehe

Die Ehe von Effi und Innstetten hat eher einen „öffentlichen“ Charakter. Liebe ist da keine im Spiel, es geht einzig um Stand, Ansehen und Geld. Effi stimmt zwar widerspruchslos in allem zu, sehnt sich aber doch schnell nach Liebe, Nähe und Geborgenheit – was man sich eben von so einer Ehe erhofft. Dadurch wird sie zu einem leichten Opfer für Crampas
Dass sie eine „private“ Auffassung von Ehe als Grundlage ihrer Moral hat, zeigt sich auch später: Schuld und Scham empfindet sie, weil sie ihren Mann betrogen und verletzt hat. Nicht aber, weil sie die Konventionen gebrochen hat, das ist ihr herzlich egal.

Trotzdem äußert der Roman keine grundsätzliche Kritik an der Institution Ehe. Auch wenn Effis Leben in ihrer Berliner Wohnung teilweise von Harmonie geprägt ist – ohne den sozialen Halt der Ehe kann sie eben doch nicht leben. Berufliche und auch karitative Tätigkeiten sind ihr verboten. Das illustriert zum einen die Kälte der Gesellschaft, führt aber auch dazu, dass Effi sich am Ende selbst sie Schuld an ihrem Schicksal gibt.

Fontane erzeugt zwar viel Mitleid mit seiner Protagonistin, er gibt aber weder eine Rechtfertigung für ihr Handeln ab, noch verurteilt er es. So bleibt der Roman eine definitive Stellungnahme schuldig.

Frauenschicksal

An Effi wird beispielhaft dargestellt, wie fremdbestimmt das Leben einer Frau im 19. Jahrhundert ist. Eine kritisch-feministische Perspektive ist dabei aber sicher nicht Fontanes Absicht. Das zeigt sich deutlich, wenn man sich die Art und Weise anschaut, mit der Effi dargestellt wird: wild, körperlich, freiheitsliebend … Damit entspricht sie genau der klischeehaften Vorstellung der Frau als das „naturhaft Weiblichen“.
Das Duell verdeutlicht hier eine besondere Ungerechtigkeit, indem es ein Ungleichgewicht entstehen lässt zwischen Mann und Frau. Durch das Duell wird der Ehebruch überhaupt erst öffentlich und damit alle damit verbundenen möglichen Folgen für Mann und Frau. Der Mann jedoch bekommt durch das Duell die Möglichkeit seine Ehre wieder herzustellen. Obwohl sie in der Öffentlichkeit vor dem Duell ja überhaupt nicht beschädigt war. Die Frau dagegen wird dadurch der sozialen Ächtung preisgegeben und erhält keine Möglichkeit der Wiedergutmachung oder Erklärung.

Gesellschaftskritik

Das „tyrannisierende Gesellschafts-Etwas“, wie Innstetten es nennt, bestimmt die Handlung fast jeder Figur im Roman.

Der Ehebruch wird sechs Jahre später aufgedeckt. (By the way weiß man nicht einmal wie weit der überhaupt ging.) In Innstettens Augen hat die Ehe in dieser Zeit überhaupt keinen Schaden genommen. Und dennoch: Muss er Crampas zum Duell fordern, weil die Konvention es eben so verlangt. Selbst der eher gemäßigt, aufgeklärte Wüllersdorf sieht das ein. Ganz nach dem Motto „Was muss, das muss“. Die Konventionen sind dem Individuum gegenüber dominant. Das wird durch einen sozialen Aspekt gerechtfertigt: Das Leben in einer Gemeinschaft erfordert immer, dass der Einzelne ein bisschen zurückstecken muss. Ist halt so.
Nach Effi ist ihr Vater, der erste der nichts mehr darauf gibt, was die Leute denken könnten, wenn er sie nach Jahren zurück nach Hause ins Elternhaus holt.

Der Altadel stellt im Roman quasi die Verkörperung der veralteten und überkommen Konventionen dar. Er ist eine Gesellschaft, die sich nur mit sich selbst beschäftigt. Und in Form des Kessiner Adels kritisiert Fontane ihn nicht einmal mehr ernsthaft, sondern macht ihn nur noch lächerlich.

Und was geht mich das an?

Effi Briest und eine sich verändernde Gesellschaft

Am Beispiel von Fontanes Roman zeigt sich sehr schön, wie unterschiedlich literarische Werke in unterschiedlichen Zeiten rezipiert werden können.

Im Erscheinungsjahr von Effi Briest war ganz klar der Skandal der Handlung der Ehebruch Effis, das Aus-der-Reihe-Tanzen einer jungen Frau, die sich doch eigentlich ihrem Ehemann und ihren Eltern unterzuordnen hatte.
Heute, im 21. Jahrhundert, liegt der Skandal dagegen eher in der Eheschließung überhaupt. Mehr als 20 Jahren trennen Effi und Innstetten. Effi dürfte nach heutiger Gesetzgebung, nicht rauchen, keinen harten Alkohol kaufen, nicht wählen und noch einiges mehr nicht. Will man heute unter 18 Jahren heiraten benötigt man eine Menge Papierkram und Sondererlaubnisse. Eltern, die ihre minderjährigen Kinder – noch dazu mit einer solchen Abgebrühtheit wie Effis Mutter – verheiraten wollen, hätten wohl ziemlich schnell mit dem Sozialamt zu tun.

Außerdem sind Ehebrüche und Seitensprünge heute lange kein so großes Thema mehr. Und selbst wenn, bleibt es die Privatsache jedes Einzelnen. Niemandem würde der Job gekündigt, weil er oder sie eine Affäre hatte und der totale gesellschaftliche Ausschluss droht wohl auch kaum mehr.

Bei der heutigen Lektüre von Effi Briest sieht man also sehr deutlich, wie sich gesellschaftliche Normen verschieben. Wie Dinge als „normal“ oder eben „nicht normal“ eingestuft wurden und sich die Wahrnehmung von Gesellschaften verändert.

Die „zeitlose Lehre“

Unabhängig davon kann man aber trotzdem noch eine sozusagen zeitlose Lehre aus dem Roman ableiten. Wenn man das denn unbedingt tun möchte. Effi macht sich große Hoffnungen auf ihre Zukunft, insbesondere die Ehe. Dabei verklärt sie wahrscheinlich einiges. So wie es wohl die meisten jungen Menschen tun. In der Zukunft wird schließlich immer alles besser. Ihre Hoffnungen werden aber enttäuscht, weil sie vielleicht zu hoch gesteckt waren. Und so wird es zwangsläufig jedem/r irgendwann gehen, der/die sich Zukunft ausschließlich rosarot ausmalt.


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