Der gute Mensch von Sezuan (Bertolt Brecht)

In Kürze

Erscheinungsjahr1943 Uraufführung, als Buch erschienen 1953
EpocheExilliteratur
GattungEpisches Drama, Parabel
HauptthemenKapitalismus- und Religionskritik, Konflikt von Moral und Erfolg im Leben

Inhaltsangabe

Drei Götter tauchen in der chinesischen Provinz Sezuan auf, um herauszufinden, ob es hier noch gute Menschen gibt. Daher sind sie auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Der Wasserverkäufer Wang ereifert sich, ihnen zu helfen, wird aber von vielen reichen Leuten abgewiesen. Letztendlich ist die Prostituierte Shen Te die Einzige, die die Götter bei sich aufnehmen will, obwohl sie nur ein kleines Zimmer zur Verfügung hat.

Am nächsten Morgen danken die Götter ihr für das Nachtlager und schenken ihr als Entschädigung eine große Summe Geld. Im Gegenzug nehmen sie ihr das Versprechen ab, immer gut zu sein.

Von dem Geld kauft Shen Te einen Tabakladen mit dem sie sich ein neues Leben aufbauen will. Schon bald gerät sie aber in finanzielle Schwierigkeiten, weil sie Menschen in Not bei sich im Laden aufnimmt oder ihnen Dinge umsonst gibt. Dies wird von vielen rücksichtslos ausgenutzt und wenn Shen Te zaghaft versucht, sich zu wehren, unterstellt man ihr Habgier und Egoismus. Daher schlüpft sie in die Rolle des Vetters Shui Ta. Dieser ist ein rücksichtloser Geschäftsmann und vertreibt die Schmarotze aus dem Laden. Weil aber auch er es nicht schafft, die Miete zu zahlen, rät man ihm, Shen Te mit einem reichen Mann zu verheiraten.

Später trifft Shen Te im Park auf den arbeitslosen Flieger Yang Sun, der sich gerade das Leben nehmen will. Shen Te hält ihn davon ab, beginnt ein Gespräch und verliebt sich in ihn. Um eine Stelle als Postflieger in Peking zu bekommen, will Sun einen Hangarmitarbeiter bestechen. Dafür benötigt er 500 Silberdollar. Shen Te hatte zuvor von einem alten Ehepaar 200 geliehen bekommen, um ihre Miete zu zahlen. Diese gibt sie nun ohne zu zögern Yang Sun. Nun kann sie ihren Laden nicht verkaufen, um mit ihm nach Peking zu kommen. Das gesteht sie ihm am Tag der Hochzeit. Sun hofft darauf, dass Shen Tes Vetter auf der Hochzeit erscheint und seiner Cousine helfen kann. Natürlich kommt er aber nicht und so wird die Hochzeit abgeblasen.

Shen Te ist schwanger. Sie weiß aber auch, dass zusammen mit Sun keine neue Existenz möglich ist. Also wird sie nun endgültig zu Shui Ta, der es schafft eine sehr gut laufende Tabakfabrik zu etablieren. Unter anderem auch durch die Ausbeutung seiner Arbeiter. Auch Sun arbeitet für ihn, später wird er sogar zum Aufseher. Davon, dass er Vater wird, erzählt Shui Ta ihm aber nichts. Shen Tes Wegbleiben erklärt er damit, dass sie verreist sei. Allerdings beginnen vor allem Yang Sun und Wang der Wasserverkäufer, zu zweifeln und verdächtigen Shui Ta des Mordes.

So wird der Vetter vor Gericht gestellt, welches von den drei Göttern gebildet wird. Shen Te gibt sich ihnen zu erkennen und erzählt ihre Geschichte. Sie erklärt ihnen, dass es nicht möglich ist, ein guter Mensch zu sein und gleichzeitig nicht in Armut leben zu müssen. Die Götter ignorieren diese Erkenntnis und schweben auf einer Wolke davon in den Himmel.

Der Schluss bleibt offen. Die Zuschauer sollen eine eigene Lösung finden.

Form & Stil

Wie fast alle Stücke Brechts folgt auch Der gute Mensch von Sezuan den Regeln des epischen Theaters. Hierbei werden die altbekannten Dramenregeln, wie unter anderem Aristoteles sie aufgeschrieben hat, verworfen.

Episches Theater

Die Handlung des Dramas ist nicht geschlossen. Sowohl der Anfang als auch der Schluss sind offen gelassen. Die einzelnen Szenen, hier Bilder genannt, stehen lose nebeneinander und könnten auch einzeln gesehen werden. Zwischen den Bildern vergeht oft eine längere Zeit, manchmal schließen sie sich aber auch gleich an. Außerdem gibt es zwischen den meisten Bildern ein Zwischenspiel. Somit wird die Handlung immer wieder untebrochen und es entsteht keine Illusion für den Zuschauer.

Das Stück spielt auf zwei, bzw. auf drei Handlungsebenen: auf der Ebene der Götter und der Ebene der Menschen. Als dritte kann man die Ebene des Zuschauers im Theater dazuzählen. Die Handlungsebenen stehen einander gegenüber und geraten miteinander in Konflikt. Dadurch, dass sowohl die Ebene der Götter, als auch die Ebene der chinesischen Armutsviertel für den westeuropäischen Zuschauer nicht seiner Lebenswirklichkeit entsprechen, wirken beide Welten für ihn fremd und unwirklich. Dies nennt man …

… Verfremdungseffekt.

Verfremdungseffekte sind alle Stilmittel, die den ZuschauerInnen das Geschehen fremd erscheinen lassen und damit dazu beitragen, dass eine Distanz zur Handlung geschaffen und das Gesehene kritisch hinterfragt wird.

Verschiedene Verfremdungseffekte sind in Der gute Mensch von Sezuan anzutreffen. Wie oben bereits erwähnt ist der Handlungsort eine Verfremdung: dadurch, dass wir diese Welt nicht kennen, distanzieren wir uns von ihr.

Ein weiteres Stilmittel sind die Zwischenspiele, in denen Wang die Götter erscheinen. Sie tragen nichts zur eigentlichen Handlung bei, sondern wiederholen oder kommentieren nur, was gerade geschehen ist. Diese nachträgliche Auseinandersetzung soll ebenfalls wieder ein kritisches Hinterfragen beim Publikum provozieren.
Eine ähnliche Funktion erfüllen die Lieder, die zwischendurch eingeschoben werden. Auch sie kommentieren das Geschehen, oft sarkastisch und zynisch.

Zuletzt findet sich die Verfremdung aber auch in der Sprache wieder. Zum Beispiel in Form von Übertreibungen: Frau Yang, die Shui Ta als „unendlich gütig“ bezeichnet, was beim besten Willen nicht auf ihn zutrifft. (S. 112)

Figuren und Charakterisierungen

Figurenkonstellation in Der gute Mensch von Sezuan
Figurenkonstellation in Der gute Mensch von Sezuan

Shen Te

Die Protagonistin des Stücks, Shen Te, ist bereits am Anfang eher altruistisch veranlagt. So gibt sie den Göttern ein Nachtquartier, obwohl sie selbst kaum Platz hat und dazu noch einen Freier wegschicken muss, der ihr Geld eingebracht hätte.

Sobald sie den Tabakladen hat, zeigt sich aber auch, dass sie zudem äußerst leichtgläubig und naiv ist. Sie verschenkt noch vor der Eröffnung eine Zigarette an einen Bettler, denn „Er sagte doch, daß er nichts hat.“ Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie sie sich von ihren Mitmenschen ausnutzen lässt.

Dies fällt den Anderen so leicht, weil Shen Te dazu neigt, immer nur das Gute in den Menschen zu sehen. Sie will unbedingt ein guter Mensch sein, allerdings hat sie schnell verstanden, dass sie so verarmen wird und kein würdiges Leben führen kann. So ist sie gewissermaßen durch die Umstände gezwungen, ihre Persönlichkeit zu spalten und den Vetter Shui Ta zu erschaffen.

Shui Ta

Shui Ta ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von Shen Te. Er ist egoistisch, rücksichts- und skrupellos. Wo Shen Te auf das Wohl andere schaute, schaut Shui Ta nur auf sein eigenes. Aus jeder Situation versucht er für sich den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. So schafft er es aber auch extrem erfolgreich zu werden und nicht nur den Tabakladen zu retten, sondern sogar eine ganze Tabakfabrik zu etablieren. Auch hat er verstanden, wie das System funktioniert: er folgt dem Motto: „Nach unten treten, nach oben buckeln.“ Während er seine Angestellten und Arbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften lässt, biedert er sich bei denen, die über ihm stehen, an. So z.B. beim Polizisten, der in seinem Laden einen Diebstahl aufdeckt und Shui Ta so tut, als hätte er nichts geahnt:

Zitat aus Der gute Mensch von Sezuan: „Ich bin außer mir, daß in meinem Lokal so etwas passieren konnte.“ (S. 37)

Er ist der typische Kapitalist, für den Geld wichtiger ist als Moral.

Yang Sun

Yang Sun, der Verlobte von Shen Te und Vater ihres Kindes, rangiert in Sachen Skrupellosigkeit direkt hinter Shui Ta. Die Stelle als Flieger in Peking verdient er sich nicht auf ehrliche Art und Weise, sondern erkauft sie sich, indem er einen Hangarverwalter besticht. Dass für seinen Traum der Vater einer großen Familie seine Arbeit verlieren wird, ist ihm absolut egal.

Shen Te macht er Versprechungen, um an ihr Geld zu kommen. Dabei hatte er nie vor, sie überhaupt mitzunehmen nach Peking, um dort mit ihr ein neues Leben anzufangen.

Wang

Der Wasserverkäufer Wang stellt das Bindeglied zwischen Göttern und Menschen dar. Er führt in das Stück ein und trifft die Götter auch danach immer wieder. Er ist sehr gottesfürchtig und zwar wortwörtlich: er setzt nicht nur seine Hoffnung in die drei, dass sie alles wieder zum Guten wenden werden, sondern fürchtet sich auch vor ihrem Urteil über ihn selbst. Da sie sein betrügerisches Geschäft mit dem doppelten Boden im Wasserbecher durchschaut haben, fühlt er sich ihrer Gnade schon gar nicht mehr würdig.

In der Gesellschaft von Sezuan ist er so etwas wie ein Außenstehender. Er hat keine richtige Wohnung, noch nicht einmal ein Zimmer, sondern schläft in einem Kanalrohr. Und so ist er gewissermaßen ein Beobachter der Geschehnisse und der Berichterstatter an die Götter.

Die drei Götter

Die Götter werden als äußerst weltfremd dargestellt. Sie sind weder allmächtig, noch allwissend. Bereits zu Anfang antworten sie Shen Tes Bedenken: „Da können wir leider nichts tun. In das Wirtschaftliche können wir uns nicht mischen.“ (S. 16)

Am Ende des Stücks treten sie auf als die Richter, die über Shui Ta entscheiden sollen. Als sie in ihm Shen Te erkennen, sind sie überglücklich den einen guten Menschen, den sie kennen, wiedergefunden zu haben. Helfen, können sie ihr aber nicht.

Zitat aus Der gute Mensch von Sezuan: „Sollen wir eingestehen, daß unsere Gebote tödlich sind? Sollen wir verzichten auf unsere Gebote? Verbissen: Niemals! Nein, es ist alles in Ordnung!“ (S. 140f)

Und damit verschwinden sie schwebend auf einer rosa Wolken zurück in den Himmel und überlassen die Menschen erneut ihrem Schicksal. Lächerlicher geht es eigentlich kaum.

Motive & Interpretation

Kapitalismuskritik

Bertold Brecht war bekennender Marxist und damit eines seiner größten Feindbilder der Kapitalismus. Der gute Mensch von Sezuan ist bei weitem nicht sein einziges Stück, dass die Produktionsumstände und den Umgang mit der Menschenwürde im Kapitalismus thematisiert und vor allem kritisiert. Doch hier wird es sehr exemplarisch auf die Spitze getrieben.

In der Gesellschaft von Sezuan gibt es viele Arme und nur ein paar wenige Reiche. Und auch harte Arbeit bringt kaum Aussicht auf einen Aufstieg. Deutlich veranschaulicht wird das in der Beschreibung von Shui Tas Tabakfabrik: „Hinter Gittern hocken, entsetzlich zusammengepfercht, einige Familien“ (S. 111). Die Arbeiter schuften für wenig Lohn und unter unwürdigen Bedingungen, während Shui Ta als Fabrikbesitzer den Tabak zu teuren Preisen verkaufen kann und sich so eine goldene Nase verdient.

Shen Te fasst die Umstände am Ende des Stücks treffend so zusammen:

Religionskritik

In Der gute Mensch von Sezuan treten drei Götter auf, auf der Suche nach wahrhaft guten Menschen.

„Seit zweitausend Jahren geht dieses Geschrei, es gehe nicht weiter mit der Welt, so wie sie ist. Niemand auf ihr könne gut bleiben. Wir müssen jetzt endlich Leute namhaft machen, die in der Lage sind, unsere Gebote zu halten.“ (S. 10)

Einen guten Menschen finden sie in der Person von Shen Te. Doch sie ignorieren alle Zweifel der Menschen und all ihre Beschwerden, dass sie kein gutes Leben führen können, wenn sie moralisch gut handeln. Noch deutlicher wird das am Ende des Stücks, als sie – glücklich darüber, ihren EINEN guten Menschen gefunden zu haben – einfach davonschweben und alle in ihrem Unglück zurück lassen.

Hier wird deutlich gemacht, dass die Religion – oft der letzte Rettungsanker, an den sich Menschen in Not klammern – keine Antworten liefern kann. Man könnte auch sagen: Sollte es so etwas wie einen Gott oder Götter geben, dann ist es ihnen herzlich egal, was mit uns auf der Erde geschieht.

Und was geht mich das an?

In den Tagen, in denen ich diesen Blogbeitrag schreibe, ist die Welt fest in der Hand des Coronavirus. Während die Wirtschaft zu großen Teilen stillsteht, gibt es einige Berufsgruppen, die gerade härter arbeiten als alle anderen, um zum Einen Kranke zu verpflegen und zu behandeln und zum Anderen das System aufrechtzuerhalten. Pflegeberufe, Müllentsorgung, Verkäufer im Einzelhandel, Paketzusteller … Was haben all diese Berufe gemeinsam? Sie werden schlecht bezahlt und die Arbeitszeiten sind alles andere als menschenfreundlich. Und was sind denn diejenigen Menschen, die ihre Arbeitskraft für die Gemeinschaft geben, wenn nicht gut?

Um die lahmgelegte Wirtschaft zu retten, werden die großen Konzerne natürlich mit enormen Geldsummen bezuschusst. Damit sie nach der Krise schnell wieder auf die Beine kommen. Und was ist mit kleinen Unternehmen, die überhaupt erstmal die Wochen des Stillstands überleben müssen? Was ist mit Künstlern und Freischaffenden? Sie alle mussten erstmal laut aufschreien: „Hallo! Uns gibt es auch und wir benötigen viel mehr Hilfe!“

Ich will nicht sagen, dass alles schlecht ist. Im Gegensatz zu den Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahren haben wir viel strengere Auflagen, Arbeitszeitgesetze und einen Mindestlohn. Es lässt sich aber streiten, ob das genügt. Und vor allem lässt sich argumentieren, dass Berufe, die für die Menschen und die Gesellschaft da sind, mehr Wertschätzung finanzieller Art verdienen.

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