Titelbild Der gestiefelte Kater

Der gestiefelte Kater (Ludwig Tieck)

In Kürze

Erscheinungsjahr1797
EpocheRomantik
GenreDrama, Komödie [Kindermärchen in drei Akten mit Zwischenspielen, einem Prolog und einem Epilog]
HauptthemenKritik an der zeitgenössischen Literatur und am Publikum

Inhaltsangabe

Der gestiefelte Kater ist uns wahrscheinlich allen aus dem Kindermärchen bekannt, oder spätestens aus den Shrek-Filmen von Pixar. Der gestiefelte Kater von Ludwig Tieck erzählt allerdings eine etwas andere Geschichte. Und zwar die eines missglückten Theaterabends.

Im Prolog unterhalten sich die Theaterbesucher Fischer, Müller, Schlosser und Bötticher über das Theaterstück, das sie gleich sehen werden. Sie stellen Vermutungen an und lassen hier schon durchblicken, dass es sich ja bestimmt nur um Unsinn handeln kann. Ein Kinderstück? Ein Kater?! Also bitte …!

Mit dem ersten Akt beginnt dann das eigentlich Stück auf der Bühne, allerdings wird es immer wieder unterbrochen durch Zwischenrufe aus dem Publikum.
Drei Brüder teilen das Erbe ihres Vaters auf. Dabei handelt es sich um ein Pferd, einen Ochsen und einen Kater. Während die beiden älteren jeweils das Pferd und den Ochsen bekommen, muss der jüngste Bruder sich mit dem Kater Hinze begnügen. Zu dessen Verwunderung fängt das Tier aber an zu sprechen. Und noch mehr: es verspricht dem jungen Gottlieb, ihm zu einem besseren Leben zu verhelfen. Alles, was er dazu verlangt, ist Gottliebs Vertrauen – und ein paar Stiefel.

Währenddessen im Palast: die Prinzessin des Königreichs soll heiraten, doch bisher hat sie sich noch für keinen der Freier erwärmen können. Auch der nächste Prinz, der nun an die Tore klopft, hat kein Glück.
Zu Beginn des zweiten Akts verzweifelt der König über seinem Koch, weil der ihm kein Kaninchen anbieten kann und er doch so gern Kaninchen haben möchte. Und da tritt ein fremder Jäger auf – es ist der Kater Hinze. Niemandem scheint aufzufallen, dass es sich um einen Kater handelt, ein großer Kritikpunkt, den auch das Publikum unten wieder ausführlich kommentiert. Dieser Jäger aber bringt ein Kaninchen, mit den besten Grüßen des Grafen von Carabas. Aus Dankbarkeit lädt der König den Jäger ein, zum Essen zu bleiben, was der Kater sich nicht zweimal sagen lässt.

Nach einer Pause beginnt der dritte Akt zu früh. Als der Vorhang sich öffnet, stehen der Dichter und der Maschinist des Theaters auf der Bühne und streiten sich über den Fortgang der Vorführung. Die Zuschauer sind verwirrt: gehört das etwa zum Stück dazu? Nein, nein, versichert ihnen der Hanswurst – der im Übrigen auch überhaupt nicht glücklich mit seiner Rolle ist. Nach einem Hin und Her wird das Stück dann endlich fortgesetzt.

Es ist einige Zeit vergangen und wie aus einer Rede des Königs deutlich wird, hat der Kater Hinze ihm unterdessen immer wieder Jagdbeute im Namen des Grafen Carabas mitgebracht. So hat der König den ominösen Grafen schon ins Herz geschlossen, ohne ihm jemals begegnet zu sein. Bei seinem letzten Besuch – der Jäger bringt Reebhühner mit – will der König ihn dann aber doch kennen lernen.

Der Kater läuft also der königlichen Kutsche voraus. Trifft er unterwegs Leute, hält er sie an, dem König mitzuteilen, dass hier der Graf von Carabas regieren würde. Ohne viel nachzufragen, wird das dann auch getan. Schließlich kommt er bei Gottlieb an. Er fordert ihn auf, seine Kleidung auszuziehen und in den Fluss zu gehen, dann versteckt er die Kleidung. Als der König mit der Prinzessin nachkommt, erzählt er ihnen, dass der Graf ertrunken sei und man seine Kleider gestohlen hätte. Ein Bediensteter eilt dem vermeintlichen Grafen sogleich zu Hilfe und versorgt ihn mit Kleidern des Königs. Daraufhin nehmen sie ihn in ihrer Kutsche mit zu „seinem“ Palast.

Der Kater ist unterdessen schon vorausgeeilt. Denn im Palast sitzt schließlich noch der Popanz. Dieser hat scheinbar magische Kräfte und kann sich in alle möglichen Tiere verwandeln. Unter einem Vorwand bringt der Kater ihn dazu, sich in eine Maus zu verwandeln – und verspeist ihn. Gottlieb, der König und die Prinzessin treten auf und Gottlieb kann sich auf den Thron setzen, der König bietet im die Hand seiner Tochter an und erhebt Hinze in den Adelsstand, alle sind glücklich und zufrieden.

Naja, bis auf das Publikum. Im Epilog tritt der Dichter noch einmal vor seine wütenden Zuschauer und versucht ihnen zu erklären, dass sie das Stück hätten wie Kinder betrachten müssen. Das will ihnen nicht so wirklich klar werden und sie beginnen mit faulem Obst zu werfen. Der Dichter gibt auf, Ende.

Form & Stil

Stück im Stück

Unschwer zu erkennen: Im Stück wird ein weiteres Stück gespielt. Normalerweise könnte man hier von einer Rahmen- und einer Binnenhandlung sprechen. Beim gestiefelten Kater ist das allerdings nicht ganz so einfach, da die verschiedenen Ebenen sich immer wieder überschneiden und die Grenzen aufgebrochen werden.

Nimmt man die Ebene der realen Zuschauer bei der Aufführung Tiecks Stück dazu, können wir insgesamt vier Ebenen unterscheiden.

  • Ebene 1: reales Publikum vor realer Bühne mit Schauspielern
  • Ebene 2: fiktiver Theaterabend > Schauspieler der 1. Ebene spielen fiktives Publikum und fiktive Schauspieler
  • Ebene 3: Spiel auf der fiktiven Bühne, eigentliche Märchenhandlung
  • Ebene 4: Kater Hinze spielt den Jäger
Schaubild der vier Ebenen im Stück "Der gestiefelte Kater"

Wie schon gesagt, werden die Ebenen – vor allem Ebene 2 und 3 – immer wieder vermischt, da das fiktive Publikum die Vorstellung stört. Und auch die Figuren auf Ebene 3 fallen immer wieder aus ihren Rollen. So verweist z.B. Gottlieb im 3. Akt darauf, dass sein Glück jetzt aber bald eintreten müsse, denn das Stück ist ja in einer halben Stunde vorbei.

Oder im ersten Akt diskutiert der König mit dem Prinzen darüber, wie sie beide die gleiche Sprachen sprechen können.

„Sein Sie doch ja damit ruhig, denn sonst merkt es ja am Ende das Publikum da unten, dass das eben sehr unnatürlich ist. […] Sehn Sie, es geschieht ja bloß dem Drama zu Gefallen, dass ich Ihre Spreche rede“

Der gestiefelte Kater, s. 20f

Gekrönt wird das Ganze wohl durch die Diskussion des Hanswurst mit Leander, in der sie sich über ein „neuerlich erschienenes Stück mit dem Namen: der gestiefelte Kater“ unterhalten. Leander findet, dass das Publikum darin gut gezeichnet sei. Diese Aussage verwirrt das fiktive Publikum (Ebene 2), da es in dem Stück, welches sie sehen, ja gar kein Publikum gibt. Für uns auf der Ebene 1, gibt es aber eines.

Sogar der Dichter selbst, taucht irgendwann so in seine eigene Handlung ab, dass er zu vergessen scheint wo und wer er ist. Beim Versuch das ungehaltene Publikum zu beruhigen sagt er:

Romantische Ironie

Die Romantische Ironie findet sich im gestiefelten Kater in verschiedenen Ausprägungen.

Zum einen ganz offensichtlich in den Späßen des Hanswurst auf der Bühne. Zum anderen gibt es eine doppelte Ironie. Wenn das Bühnenpublikum einen Scherz macht, das Gesagt dann aber tatsächlich zutrifft. Drittens werden Szenen dadurch ironisiert, dass sie mit der Realität konfrontiert werden. So z.B. in den beiden Szenen des Liebenspaares: in der ersten Szene ergehen sich die beiden in Liebesschwüren, in der zweiten sind sie verheiratet, streiten sich nur noch und wollen die Scheidung. Dass der Kater noch die Frechheit besitzt ihr Geschmachte vom ersten Mal wieder zu zitieren, macht das ganze nur noch amüsanter.

Ein vierter ironischer Zug des Stücks, für den man allerdings etwas Hintergrundwissen benötigt, ist die Namensgebung der Figuren. Die Zuschauer haben von Tieck alle Namen bekommen, die von Handwerksberufen abgeleitet sind. Auf griechisch ist der Handwerker der banausos. So zeigt Tieck also, was er von den vermeintlichen Kunstkennern seiner Zeit hält.

Figuren in Der gestiefelte Kater und Charakterisierungen

Kater Hinze

Der Kater namens Hinze ist die Hauptfigur der Komödie. Das ist ungewöhnlich, weil er – Überraschung! – kein Mensch ist. Als Erbschaft fällt er an den Besitz des jüngsten Sohnes Gottlieb und damit denkt der eigentlich, dass er die schlechtesten Karten gezogen hat. Doch Hinze entpuppt sich nicht nur als sprechend, sondern auch als wahrer Glücksfall.

Als er Gottlieb seine Sprachfähigkeit offenbart erklärt er zunächst (und das klingt schon eingebildet), dass die Katzen die schlauesten und gerissensten Tiere sind.

Zitat aus Der gestiefelte Kater: "Was  muss der Hund nicht alles tun und lernen! Das Pferd! es sind dumme Tiere, dass sie sich ihren Verstand merken lassen, sie müssen ihrer Eitelkeit durchaus nachgeben, wir Katzen sind noch immer das freieste Geschlecht, weil wir uns bei aller Geschlicklichkeit so ungeschickt anzustellen will, dass es der Mensch ganz aufgibt, uns zu erziehen.“ (S. 11f)

Warum aber offenbart er sich Gottlieb überhaupt? Weil dieser sich im Gegensatz zu seinen Brüdern immer freundlich dem Kater gegenüber verhalten hat, ihn sogar beschützt hat. Dafür möchte Hinze sich jetzt bedanken und revanchieren.

Um diese Aufgabe auszufüllen wird er nach eigener Aussage allerdings viel unterwegs sein und laufen müssen. Und dafür benötigt er Stiefel. Logisch. Auf Gottliebs Frage, warum normale Schuhe denn nicht ausreichen, erläutert er, welche andere Wirkung Stiefel im Gegensatz zu Schuhen doch haben, sie verkörpern ein gewisses Ansehen, Männlichkeit. Gottlieb widerspricht nicht weiter und lässt den Schuhmacher kommen, der ebenfalls überhaupt keine Fragen stellt.
Hier zeigt sich schon wie einnehmend Hinze sein kann, sodass die Menschen sein Handeln und seine Erscheinung überhaupt nicht in Frage stellen. Auch später am Hof des Königs wird niemand stutzig als ein gestiefelter Kater mit ihnen spricht und für einen ominösen Grafen Werbung macht. Im Gegenteil alle sind ihm sehr wohlgesonnen und mögen ihn.

Die manipulativen Fähigkeiten Hinzes und seine Intelligenz sind entscheidend für die Handlung des gesamte Stücks.

Wie oben schon beschrieben hat das Stück verschiedene Ebenen. Und so ist der Kater Hinze ja nur auf Ebene 3 der Kater. Auf Ebene 2 ist er ebenfalls ein Schauspieler und auf Ebene 4 der Kater, der einen Jäger spielt. Als im zweiten Akt ein großer Tumult ausbricht und die Schauspieler – laut Regieanweisung – alle aus ihren Rollen fallen, klettert Hinze, der vorher den Jäger gespielt hat, eine Säule hinauf. Er ist also aus seiner Jägerrolle gefallen, aber nicht aus seiner Katzenrolle.

Gottlieb

Gottlieb ist der jüngste von drei Brüdern. Ohne sich zu wehren nimmt er als Erbe seines Vaters lediglich den Kater an und überlässt seinen älteren Brüdern Ochse und Pferd. Er ist recht einfältig und weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Erst durch die Hilfe von Hinze kommt er zu seinem Glück.

Der Kater sieht ihn als „guten, edlen Mann“, „einer von den wenigen, die keinen Gefallen an Dienstbarkeit und Sklaverei finden“ (S. 12), weswegen er ihm überhaupt nur hilft. Was sein Glück ist, denn ohne den Kater wäre er schlichtweg verloren gewesen. Zur Handlung trägt er selbst also auch nichts bei außer, dass er die Anweisungen des Katers befolgt. Und so am Ende tatsächlich ein Graf wird und die Prinzessin heiraten wird.

König

Der König ist sehr emotional, direkt in seiner ersten Szene wird er weinend und verzweifelt dargestellt. Er trauert, weil seine Ehe nicht glücklich war, dennoch vermisst er seine verstorbene Frau sehr. Aufgrund seiner Erfahrung rät er seiner Tochter aber, sich ja vorzusehen, wenn sie sich einen Ehemann aussucht, er will dass sie glücklich wird.

„Hüte Dich, meine Tochter, Du bist mein einziges Kind, und Du glaubst nicht, wie sehr mir Dein Glück am Herzen liegt.“

Der gestiefelte Kater, S. 17

Doch er ist wankelmütig und ändert seine Meinung scheinbar immer wieder. Schon kurz darauf rügt er seine Tochter, weil sie den Prinzen Nathanael, der gerade um ihre Hand angehalten hat, ebenfalls nicht heiraten will.

„Du wirst sitzen bleiben, hab ich ihr tausendmal gesagt; greif zu! so lange es Dir geboten wird, aber sie will nicht hören, nun, so wird sie sich gefallen lassen müssen, zu fühlen.“

Der gestiefelte Kater, S. 31

Darüber hinaus stellt er sich als äußerst einfältig heraus. Man fragt sich, wie so ein Mann ein Land regieren kann. Beim Essen verlangt er immer wieder vom Hofgelehrten Leander, Fakten über das Universum zum Besten zu geben. Er möchte die Entfernung der Sonne von der Erde hören und erfreut sich an den großen Zahlen. Dann will er die höchste aller Zahlen hören und kann einfach nicht verstehen, dass diese nicht existiert. Am erstaunlichsten ist aber – und damit wird auch seine privilegierte und weltfremde Stellung hervorgehoben und kritisiert –, dass er nicht weiß, dass Brot aus Getreide hergestellt wird.

Zitat aus Der gestiefelte Kater: "Bitt ich Dich ums Himmels willen, Tochter, – daraus wird Brot gebacken! – wer sollte wohl auf solche Streiche kommen?" (S. 54)

Prinzessin

Die Prinzessin ist nicht mehr und nicht weniger als die Tochter ihres Vaters. Auch sie ist recht einfältig (sie ist ebenfalls äußerst erstaunt darüber, dass man Getreide erntet, um dann daraus Brot zu backen), aber sie interessiert sich für Literatur. Vor allem die Poesie hat es ihr angetan und sie versucht sich auch an eigenen Werken. Der Hofgelehrte unterstützt sie dabei. In der Grammatik scheint sie dabei noch Schwierigkeiten zu haben, scheinbar aber nur schriftlich, denn ihre Sprache ist makellos – auch die Zuschauer echauffieren sich später darüber, dass dies eine Ungereimtheit ist.

Ebenso wir ihr Vater liebt sie gelehrte Diskussionen bei Tisch. So fordert sie im dritten Akt den Hofnarren und den Gelehrten auf, ihr Streitgespräch zu beginnen.

„Liebster Herr Vater, wollten Dieselben nicht gnädigst erlauben, dass jetzt die gelehrte Disputation ihren Anfang nehmen könnte? Mein Herz schmachtet nach dieser Geistesbeschäftigung.“

Der gestiefelte Kater, S. 48

Wie es von ihrem Stand und Geschlecht erwartet wir, muss sie sich bald verheiraten. Allerdings lehnt sie einen Bewerber nach dem anderen ab. Der Grund:

Zitat aus Der gestiefelte Kater: "... ich habe immer geglaubt, dass mein Herz erst einige Empfindungen zeigen müsse, ehe ich meinen Nacken in das Joch des Ehestandes beugte. Denn eine Ehe ohne Liebe, sagt man, ist die wahre Hölle auf Erden." (S. 16)

Umso verwunderlicher und unmotivierter ist dann das Ende der Komödie: Niemals hat sie den Wunsch geäußert den Grafen von Carabas kennen zu lernen, geschweige denn von Gefühlen für ihn gesprochen. Ihr Vater ist lediglich restlos von ihm begeistert und als er am Ende dem Grafen, Gottlieb, die Hand seiner Tochter anbietet äußert die sich schlichtweg mit: „Wie glücklich bin ich.“ (S. 60)

Das Publikum

Einzelne Figuren des Publikums im gestiefelten Kater melden sich immer wieder zu Wort und prahlen mit ihrer Ausbildung und Kunstkenntnis. Als erstes lernen wir Müller, Schlosser und Fischer kennen, die sich in Mutmaßungen üben, was in dem Stück wohl zu sehen sein wird. Dabei echauffieren sie sich bereits, dass sie sicherlich kein Kinderstück sehen wollen, immerhin „über solchen Aberglauben sind wir weg, die Aufklärung hat ihre gehörigen Früchte getragen.“ (S. 5)

Es dauert dann auch kaum drei Sätze, da beginnen sie bereits, sich zu beschweren. Über die Unnatürlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten des Stücks. Und auch im weiteren Verlauf lassen die beiden kein gutes Haar an dem Stück. Im Gegensatz dazu Wiesener und sein Nachbar, die an den meisten Szenen Gefallen finden. Und Bötticher. Bötticher schwärmt über die Spielweise des Katers und die Kunstfertigkeit des Stücks – allerdings scheinbar nur, um mit seinem Wissen zu prahlen. Er erklärt, dass er den Anzug des Katers eher „Maske“ nennen würde und schweift dann ab in einen Monolog:

„Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass diese Alten alle Rollen ohne Ausnahme in Masken spielten, wie Sie im Athenäus, Pollux und anderen finden werden. Es ist schwer, sehn Sie, dass alles so genau zu wissen, …“ bla bla bla. Es ist schon verständlich, dass die anderen Zuschauer Bötticher irgendwann aus dem Theater vertreiben.

Auch wenn es bei ihm besonders hervorgehoben ist, hält sich doch das gesamte Publikum für sehr gebildet, was die Kunst und das Theater angeht. Als der Dichter am Ende darauf verweist, dass sie wieder hätten zu Kindern werden und ihre Ausbildung hätten vergessen müssen, um Freude an dem Stück zu haben, weist Leutner noch einmal darauf hin:

„Unsere Ausbildung hat uns Mühe und Angstschweiß genug gekostet.“

Der gestiefelte Kater, S. 62

Motive & Interpretation

Kritik am Publikum und am zeitgenössischen Literaturverständnis

Wie bei den Charakterisierungen schon erläutert, kommt das Publikum in Tiecks Stück nicht besonders gut weg. Es hat gelernt, wie Literatur oder wie ein Theaterstück auszusehen hat. Eine Tragödie sieht so und so aus, eine Komödie sieht so und so aus. Alles, was nicht in das vorgegebene Muster passt, ist keine Kunst. Da das Publikum diese Auffassung vertreten hat, haben sich auch viele Schriftsteller der Zeit strikt an die Regeln gehalten, da sie natürlich wollten, dass ihre Stücke Erfolg haben.

Mit dem gestiefelten Kater stellt Tieck sich jetzt gegen diese Praxis. Er fordert mehr Freiheit für die Kunst und vor allem ein Publikum, dass wirklich Interesse an derselben hat. Er kritisiert die Zuschauer, die nur ins Theater gehen, um sich als gebildet auszugeben. Stattdessen hofft er mehr auf Zuschauer, die offen sind für neue Versuche, sowohl im Theater als auch in der Literatur, und die sich nicht für etwas Besseres halten, nur weil sie die Regeln eines guten Dramas herunterbeten können.

Eigentlich ist es also auch nicht verwunderlich, dass Tiecks Märchenstück beim zeitgenössischen Publikum so überhaupt nicht gut ankam.

Revolutionsstück

Man munkelt, dass Der gestiefelte Kater auch revolutionäre Tendenzen in sich trägt. Grund für diese Vermutung ist vor allem die Darstellung des Königs, der kindisch, tyrannisch und total unwissend ist – also absolut ungeeignet als Herrscher. Und auch die Art und Weise, wie der Kater Hinze den Popanz verspeist deutet darauf hin, dass Tieck revolutionäre Absichten zumindest nicht abgelehnt hat. Auch das fiktive Publikum fragt sich an dieser Stelle, ob es sich nicht doch um ein Revolutionsstück handelt. Dagegen spricht allerdings, dass Tieck sein Publikum genauso tyrannisch zeichnet, wie den König – und damit absolut ungeeignet für eine Revolution.

Und was geht mich das an?

Es ist nicht immer gleich offensichtlich, was ein Stück sagen oder bezwecken will. Wenn es das denn überhaupt will. Und auch bei Tiecks gestiefeltem Kater ist es erst einmal schwierig die Frage zu beantworten: Was geht mich das – heute im 21. Jahrhundert – noch an?

Zunächst würde ich sagen, dass man auch nicht jedem Drama eine tiefere Bedeutung abgewinnen muss, die noch dazu zeitübergreifend wirksam ist. Man kann sich auch einfach für zwei Stunden an einer saukomischen Handlung freuen. Wer aber unbedingt noch eine Antwort geben möchte, der kann sagen: „Der gestiefelte Kater erinnert uns auch heute noch, dass Kunst nicht in eine vorgefertigte Form passen muss. Ja, überhaupt nicht passen kann, wenn sie wirklich Kunst sein will. Und vor allem: Wenn wir öfter mal wieder das Kind in uns entdecken, wird vieles sehr viel einfacher und schöner.“

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